Montag, 15 August 2016 09:51

Ansprache zum 1.August

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Ansprache zum 1.August, Kleindietwil, 2016

Liebe Einwohnerinnen und Einwohner von Kleindietwil und liebe Gäste. Es freut mich ausserordentlich, dass ich heute Abend hier sein darf und mit Euch zusammen eine schöne, eine würdige und fröhliche 1. Augustfeier erleben darf. Es ist 725 Jahre her, dass auf der Rütliwiese der Grundstein zu unserer Schweiz gelegt worden ist. Das ist wirklich ein Grund zum Feiern. Dank einigen bekannten und ganz vielen weniger bekannten oder sogar unbekannten Menschen, die sich unermüdlich für die Sicherheit und das Wohl unseres Landes eingesetzt haben, dürfen wir heute hier in aller Freiheit feiern. Das wollen wir geniessen und uns daran freuen!

 

Wie Ihr in der Einladung lesen konntet, bin ich in Bützberg zuhause. Im Jahre 1984 habe ich aus dem Kanton Solothurn in den Oberaargau geheiratet, habe Jahrgang 1963 und bin Mutter von 5 Kindern zwischen 18 und 28. Mein Erstberuf war Primarlehrerin, dann Bäuerin, Coach und Politikerin. Zuhause haben wir einen Landwirtschaftsbetrieb mit einer integrierten WG für 7 leicht geistig behinderte erwachsene Männer. Meine Lieblingsthemen sind Familie, Landwirtschaft, Bildung und unser Sozialwesen. Meine Lieblingsbeschäftigungen sind Lesen, Musik machen, Wandern.

Ja, und jetzt bin ich hier in Kleindietwil, einem Dorf, das ich vor allem vom Durchfahren kenne. Ich weiss z.B., dass bei der Käserei ein Softeis-Automat steht, dass der Sternen schon lange zu Wohnhaus und Brocki umfunktioniert wurde, ihr einen Bahnhof habt und die Biofarm bei euch beheimatet ist. Aus der Homepage der Gemeinde Madiswil habe ich erfahren, dass Ihr aber noch viel mehr vorzuweisen habt, unter anderem ein ausserordentlich vielfältiges Gewerbe, die unterschiedlichsten Dienstleistungen, eine gute Schule mit einem Oberstufenzentrum, und euer Dorf hat auch eine interessante und reiche Geschichte. Lustigerweise taucht der Ortsname Kleindietwil erstmals anno 1485 ausgerechnet in einer Thunstetter Urkunde auf. Ich habe auch erfahren, dass Euer Dorf ca. 500 Einwohner hat und ca. 3km2 gross ist und es wurde anfangs 2011 zu einem Dorfteil von Madiswil.

Als ich mir versuchte vorzustellen, vor wem ich denn da stehen würde und was ihr wohl von mir erwartet, da habe ich mir fast den Kopf zerbrochen, was ich Euch heute Abend sagen möchte. Da gäbe es Vieles, von sozialer Gerechtigkeit für alle in unserer Gesellschaft, von genug Arbeitsplätze, auch für über 55 jährige , von einer nachhaltigen aber auch und lohnenden Landwirtschaft, die weniger Direktzahlungen braucht, über Chancengerechtigkeit in der Bildung, wie es mit unserer Altersvorsorge weitergehen soll, über den staatlichen Finanzhaushalt, über die Asylproblematik, über den Ausbau unseres Strassennnetzes (das gerade hier im Oberaargau eine umstrittene Geschichte ist ,  etc. ; und kommt noch dazu, dass es meine erste 1. Augustansprache ist, Ihr erlebt also eine Premiere!

Beim Nachdenken bin ich einfach nicht an der momentanen Situation in unserer Welt vorbeigekommen. Und dort bin ich dann hängengeblieben. Terror, Anschläge, Amokläufe, Gewalt, Hass und Krieg, hüben und drüben. Und sie sind empfindlich nahe gekommen, diese Attentate. Wer von uns war nicht schon einmal in Paris, in Nizza oder vielleicht in München?

In diesem Zusammenhang stellen wir uns alle immer wieder die Frage, wie es denn überhaupt so weit kommen kann. Die Zeitungen, Radio und Fernsehen und die digitalen Medien sind voll von Berichten und Erklärungsversuchen.

So bin ich am 20 Juli in unserer NOZ auf eine Kolumne (Post von Pic) von Charly Pichler gestossen, wo er  zum Thema :“Ach du liebe, wahnsinnig gewordene Welt“ in markigen Worten ausdrückt, was auch ich zum Teil glaube und unterstützen kann. Er sagt, ich habe das in meinen Worten so zusammengefasst, dass der Egoismus als Feind der Solidarität und als Feind des Respekts vor dem Nächsten der Grund für den Wahnsinn in der Welt sei. Der Egoismus als Auslöser von Gewalt und Krieg. Ich glaube, dass das stimmt, aber ich glaube auch, dass das nur einer, zwar einer der wichtigsten Gründe ist, die zu Gewalt und Terror führen.

Beim Weiterlesen des Artikels war ich natürlich gespannt darauf, ob C.P. denn auch eine mögliche Lösung für dieses menschliche Problem vorschlägt. Er zitiert am Schluss Mark Twain, der gesagt hat: „Gott hat den Menschen erschaffen, weil er vom Affen enttäuscht war, danach hat er auf weitere Experimente verzichtet“. Und C.P.‘s Folgerung daraus ist sein Schlusssatz, wo er sagt: „Es verbleibt uns der hoffnungsfrohe Gedanke: Vielleicht sollten wir Gott bitten, mit neuen Experimenten dringend zu beginnen.“

Wie auch immer das C.P. gemeint hat, darüber habe ich mit ihm nicht gesprochen, vielleicht kommt dann von seiner Seite noch eine Reaktion, wenn er meine Ansprache mitbekommt. Es hat mir aber Anlass gegeben zum Nachdenken. Ich persönlich glaube nicht, dass wir neue Experimente brauchen und Gott uns jetzt da bitteschön damit aus einer Misere helfen soll, die der Mensch selber angerichtet hat. ich glaube auch nicht, dass er das für uns tun muss, denn es ist und bleibt unsere Verantwortung, wie wir denken, wie wir leben und wie wir handeln. Es ist meine Verantwortung, wie ich denke, wie ich lebe und wie ich handle, ich kann sie an niemanden und an nichts delegieren.
Wo liegt denn die Lösung für die Probleme unserer Welt? Gibt es die überhaupt und was könnte ich da für eine Rolle spielen? fragt man sich. Und man fühlt sich unglaublich ohnmächtig beim Lesen oder Hören der täglichen Nachrichten. Was kann ich da schon tun?

Ich denke, dass wir sehr wohl etwas tun können, vielleicht einfach nicht in Syrien oder im Iran, in Nigeria oder Eritrea, aber wir können nämlich jetzt, hier, bei uns selber, in unserer Nachbarschaft, in unserem Dorf anfangen.

Und damit möchte ich kurz auf drei Gedanken eingehen, die ich als grundlegend für ein friedliches Zusammenleben und eine funktionierende Demokratie anschaue.

  1. Wir sollten uns zurück besinnen auf unsere gemeinsame Wertebasis 
  2. Wir müssen bei uns selber anfangen
  3. Wir sollten dankbar sein für all das, was wir haben.
    1. Unsere gemeinsame Wertebasis: Sie ist in der Präambel der Bundesverfassung umschrieben und diese beginnt mit den Worten: Im Namen Gottes des Allmächtigen wollen wir….und endet mit den letzten Worten: …denn die Stärke des Volkes misst sich am Wohl des Schwachen. Ich wage hier die Frage in den Raum zu stellen, wie gut wir diese „christlichen“ Grundwerte und den Schöpfer dieser Grundwerte überhaupt noch kennen und wie ernst wir es damit noch meinen. Seien wir doch ehrlich, wenn wir unsere leeren Kirchen anschauen, kommen wir nicht darum herum, uns diese Frage zu stellen. Überall wird von Werten gesprochen, die wir uns geben sollten und die wir leben sollten, auch Nationalrat Gerhard Pfister hat kürzlich gefordert, dass wir neu eine Wertedebatte führen sollten, nur, welche Werte sind denn gemeint? Da gehen die Diskussionen meilenweit auseinander, das erlebe ich auch so im Grossen Rat. Als Mitglied der evangelischen Volkspartei beschäftigt mich das ganz besonders, denn für mich ist klar, dass das nur die christlichen Werte sein können, die Christus gepredigt und gelebt hat.
    2. Bei uns selber anfangen: Gelingendes Zusammenleben in einer Gesellschaft erfordert von jedem Menschen seinen Teil, den er dazu beiträgt. Die Aufgabe des Staates ist es, Ordnung und Sicherheit zu schaffen und zu erhalten. Die Aufgabe von uns ist es derjenigen Arbeit, die uns möglich ist, mit Respekt gegenüber dem Nächsten, mit Achtung und Anstand, mit  Solidarität und gegenseitiger Hilfe unseren Anteil zum Wohle der Gesellschaft beizutragen. Und das liegt in unserer Verantwortung und da muss jeder bei sich selber beginnen.
    3. Dankbarkeit: Wenn wir noch einmal einen Blick in die weite Welt wagen und dann unser Leben hier in der Schweiz anschauen, dann können wir doch gar nicht anders als dankbar zu sein. Wenn wir jammern, so jammern wir auf hohem Niveau. Dankbarkeit, behaupte ich, erzeugt eine positive Grundeinstellung und darum macht sie auch fröhlich, sie macht barmherzig, sie lässt Egoismus nicht zu, weil sie von sich selber wegschaut und zufrieden macht mit dem was man hat. Sonst könnte es uns gehen wie dem Prinzen, der auf einer wunderschönen Wiese lag, die die wunderbarsten Blumen hatte, in den Himmel schaute und von einem Schloss und weissen Pferden träumte. Als er König wurde, sah er zum Schlossfenster hinaus auf seine weissen Pferde und weiter in die Ferne und träumte von einer wunderschönen Wiese mit den wunderbarsten Blumen. Undankbarkeit macht unzufrieden und unglücklich, Dankbarkeit tut der Seele gut und meine Mitmenschen profitieren auch noch davon.

In unserer ereignisreichen Zeit, wo niemand genau weiss, wie sie sich weiterentwickelt, ist es nötig, dass wir die Augen nicht verschliessen vor Gewalt und Ungerechtigkeit und uns dort wo wir können, dagegen einsetzen. Es ist aber ebenso nötig, dass wir die Augen offen halten für all das, was wir haben hier in unserer Schweiz haben. Dass wir dankbar sind und bleiben für die Sicherheit, den Wohlstand und die Ordnung in unserem Dorf, in unserem Kanton, in unserem Land.

Dass wir uns aufmachen, die christlichen Werte uns von dem zeigen zu lassen, der sie geschaffen hat. Diese Werte, die die Grundlage zu vielen von unseren Gesetzen bilden und unsere demokratische Staatsform begründen und auch das Leben einer Demokratie ermöglichen. Klammerbemerkung:(Demokratie zu leben ist nicht einfach, es erfordert Demut, es bedeutet nämlich, dass wir unsere Regeln und Verfahren respektieren und einhalten und den Ausgang von Abstimmungen und Wahlen akzeptieren, auch wenn sie uns sogar Nachteile einbringen. Das ist gelebte Demokratie.)
Und eben, bei all dem müssen wir immer wieder bei uns anfangen, dort wo es um Respekt und Anstand gegenüber anderen geht, wo es um Solidarität oder sogar Zivilcourage geht und wo es darum geht, dass wir unseren Platz in der Gesellschaft unseren Fähigkeiten und Möglichkeiten entsprechend einnehmen und andern helfen, ihren Platz auch zu finden.

In diesem Sinne wünsche ich euch allen noch einen wunderbaren weiteren Abend und danke herzlich für die Aufmerksamkeit.

> Ansprache als PDF-Datei

Gelesen 1878 mal Letzte Änderung am Montag, 15 August 2016 10:14

Christine Grogg

Gemeinderätin, Grossrätin, Familienfrau, Bäuerin, Querflötenspielerin, Wanderfreak, Leseratte, Skandinavien-Fan

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